Der Eiskönig.

Eine Eis-Geschichte von Teo von Torn
in: „Hamburger Fremdenblatt” vom 7.1.1903,
in: „Rostocker Anzeiger” vom 11.1.1903,
in: „Trierische Landeszeitung” vom 20.1.1903,
in: „Nordstjernan” vom 26.2.1903 (unter dem Titel „Skridskokungen”),
in: „Örnsköldsviks Allehanda” vom 2.3.1903 (unter dem Titel „Skridskokungen”),
in: „Vestkusten” vom 19.3.1903 (unter dem Titel „Skridskokungen”)


Eddy Harkorth war namenlos wüthend.

Die lange Bank am Zugange der „Prinzen-Eisbahn” quiekte ordentlich auf, als Eddy Harkorth sich mit einem energischen Ruck — plums! — niedersetzte. Mit einem weiteren Ruck zog sie das Taschentuch aus dem Muff, und mit einem dritten stieß sie ihrem ritterlich niederkauernden Anschnall-Primaner das Füßchen so heftig entgegen, daß der Jüngling erschrocken zurückzuppte und — nach einigen wilden Bemühungen, die Balance zu halten — nun auch seinerseits mit einem Ruck auf Eise Platz nahm.

Eddy Harkorth entschuldigte sich nicht — denn sie war namenlos wüthend.

Sie hatte noch nicht den halben Weg zur Eisbahn zurückgelegt, als ihr schon von begegnenden Freundinnen in allen Nuancen der Schadenfreude, des Bedauerns und sonstiger freundschaftlicher Boshaftigkeiten zugeraunt wurde:

„Er ist da —!”

Schulkameraden ihres jüngeren Bruders hatten sie in jungenhafter Ungenirtheit angejohlt:

„Er ist da —!”

Der Kassirer der Eisbahn hatte seine rotgefrorene Nase aus dem Schalterloch gesteckt und ihr mit seiner kratzigen Grogkstimme mitgetheilt:

„Er ist da —!”

Nun auch noch der Primanerjüngling. Das war zu viel! Sie mochte kaum aufsehen. Sie hatte das Gefühl, als wenn das gräßliche Wort all' den vielen Menschen auf der Zunge läge. Die zum Eisfest mit Tannengrün umrankten Lichtträger, die den Uferrand einsäumenden Bäume, der dämmernde Himmel sagten es, aus den Klängen der Donauwellen jubelte es und in ihrem Herzen zitterte es —:

„Er ist da —!”

Unerträglich!

Sie erwog bereits, ob sie nicht wieder umkehren sollte, Es war zu spät. Der schmächtige Primaner hatte sich von seinem Schreck erholt und den Ritterdienst vollendet. Sie stand auf den Schlittschuhen — auf diesen glatten Eisen, die sie sonst meisterte wie keine andere, auf denen es ihr Niemand gleich gethan — — bis vor einigen Wochen ihr der Eiskönig die Palme entrungen.

Der Eiskönig!

Eddy Harkorth preßte die zuckenden Lippen aufeinander und bohrte die Händchen in den winzigen Muff.

Wenn sie sonst auf der Bahn erschienen war, hatte sich, ehe sie überhaupt noch angefangen, eine erwartungsvolle Zuschauerschaft um sie versammelt. Jetzt schaute niemand her — es sei denn, daß der eine oder andere aufmerkte, ob sie sich wieder so blamiren würde wie damals, wo sie vergeblich versucht hatte, ihm den achtstrahligen Stern nachzulaufen, wo sie beinahe hingeschlagen wäre, wenn er sie nicht aufgefangen hätte. Dabei war er selbst zu Fall gekommen und hatte sich den Fuß verstaucht. Acht Tage war er nicht auf der Eisbahn gewesen. Heute zum ersten Male wieder — —

Er ist da —!

Drüben, auf der für den Kunstlauf abgesteckten Stelle, standen die Leute Kopf an Kopf und folgten den halsbrecherischen Productionen des Eiskönigs. Wie sich dieser gräßliche Mensch nur so auffällig benehmen konnte! Er that ja fast, als wenn er dafür bezahlt bekäme!

Ein verächtliches Achselzucken, dann ein leichtes seitliches Neigen des Oberkörpers — und Eddy Harkorth schwebte in langen Bogen davon.

Es lag eine unvergleichliche Grazie in dem weichen Rhythmus, mit dem sie ihren Lauf den wiegenden Walzertacten anpaßte. Die Klänge der Musik trugen sie wie auf Schwingen — und nicht nur über die, in dem weißblauen Lichte der Bogenlampen schimmernde Fläche, sondern auch über Zorn und Kummer hinweg.

Fürs erste wenigstens —

Das Dahinfliegen mit seinem, in der Entfaltung von Kraft und Gewandtheit liegenden intensiven Reize wurde nach und nach zur mechanischen Bewegung, welche anderen Empfindungen und Gedanken wieder freien Spielraum ließ. Und so sehr sie sich dagegen wehrte — alle diese Empfindungen und Gedanken concentrirten sich auf das eine: Er ist da —! Sie zwang sich, zu analysiren, was mit dieser aufdringlichen Thatsache eigentlich gesagt oder gegeben war: Ein junger blonder Arzt, wie es viele giebt, trug eine Persianakappe, wie es viele giebt, und langschäftige Lackstiefel, wie es viele giebt — und er war ein guter Schlittschuhläufer, wie es viele giebt — —

Damit war eigentlich alles gesagt, und dieses alles war richtig — und doch eine große Unwahrheit!

Nicht ein einziger der ungezählten jungen blonden Aerzte, die es giebt, hatte so kecke und doch gutmüthige blaue Augen wie dieser eine; keiner sprach diesen seltsamen masurischen Dialect, und was er sprach, das klang so lieb und offen, als hätte er sein Herz in beiden Händen und reichte es hin; nicht einem stand die schwarze Persianakappe, der ganze einfache und elegante Dreß so vortheilhaft wie ihm — und solch einen Schlittschuhläufer gab es auf der ganzen Welt nicht mehr!

Er lief den achtstraligen Stern mit einem Schwung und auf der inneren Kante! Das war kolossal — das sollte ihm einer nachmachen — das konnte niemand — selbst Eddy Harkorth nicht — —

Und das war Eddy Harkorths Kummer und — ihre Angst!

Der Eiskönig hatte sie gebeten, den Stern nicht zu laufen. Sie hatte es doch gethan und sich blamirt, Darauf hatte sie erklärt, daß sie nicht disponirt sei, daß ihre Schlittschuhe nicht fest genug säßen. Das nächste Mal würde sie den Stern glatt laufen, denn im Grunde sei er gar nicht so schwer.

Der Eiskönig hatte das lächelnd bestritten — und in ihrem heißen Eifer und Ehrgeiz hatte sie schließlich eine Wette angenommen: Bei der nächsten Begegnung wollte sie nicht nur den achtstrahligen Stern, sondern auch sonst alles nachmachen, was er ihr vormachte. Der Gewinner hatte einen Wunsch frei. Klara Stein und Liesbeth von Hagen waren Zeugen.

Sie fühlte wohl, daß der verstauchte Fuß, welcher ihn damals nicht gehindert hatte, weiter zu laufen und ihr jeden zweiten Tag eine Fensterparade zu machen, nur ein liebenswürdiger Vorwand gewesen war, um ihr Zeit zum Ueben zu geben. Und sie hatte geübt! Die ganzen acht Tage hindurch — stundenlang. Nun wußte sie, daß sie den achtstrahligen Stern nicht fertig bringen würde, heute nicht — niemals! Sie würde sich wieder blamiren vor allen Menschen und vor allen Dingen vor ihm. Er mußte sie für eine alberne Renommistin halten — und der Himmel mag wissen, was er für einen Wunsch äußerte, wenn sie verlor . . .

Ihr war so trostlos, daß sie auf nichts mehr achtete um sich her.

Erst als nächtliches Dunkel sie umfing, merkte Eddy Harkorth, daß sie geflüchtet war — den in den See einmündenden Flußarm hinauf, immer weiter und weiter. Sie hielt nicht an. Der auf der unbefahrenen Eisdecke lagernde festgefrorene Schnee behinderte ihren Lauf. Sie achtete dessen nicht. Die weit über das Ufer hängenden, dürren Weidenzweige peitschten ihre Arme und Hände, welche sie schützend vor das Gesicht gehoben hatte, aber sie kümmerte sich nicht darum, sondern strebte weiter — auf der Flucht vor den Menschen, vor ihm, vor dem gräßlichen achtstrahligen Stern und ihrer Blamage.

In der Nähe eines Pavillons erlahmten ihre Kräfte. Sie erstieg das flache Ufer und setzte sich dort auf eine Bank. Jede Muskel, jeder Nerv bebte — die eisige Stille des Winterabends packte sie nach der raschen Bewegung zunächst wie ein Schmerz; dann aber fühlte sie ihre beruhigende und erschlaffende Umarmung.

Mit geschlossenen Augen sah sie sich in einer andern Welt, wo es keinen Zorn und keinen Kummer gab. Je länger sie saß, desto lichter wurde es um sie — und das machte nicht nur der Mond, welcher durch die Wolken brach. Das war ein anderes Licht — ein flimmerndes, anschwellendes Leuchten, das sich in mächtigen Strahlenbündeln an hochragenden krystallenen Pfeilern und in den Facetten eines wunderherrlichen Thronhimmels brach.

Plötzlich ward aus diesem unruhigen, blendenden Lichtwerden ein stetiger überirdischer Glanz, der von einem achtstrahligen Stern ausging, oberhalb des Thronhimmels. Viele Hunderte von Menschen neigten sich huldigend vor ihm und vor dem Eiskönig — und der Eiskönig hatte so hübsche blaue Augen — er trug ein rothes pochendes Herz in den Händen — und er fragte in einem eigenartigen Dialect drei Mal laut und vernehmlich:

Wo ist Eddy Harkorth?

Eddy Harkorth!!!

Sie hörte es ganz deutlich.

Aber erst beim dritten Male erhob sie sich, um dem Rufe des Eiskönigs zu folgen — ihm zu huldigen und um Gnade zu bitten . . .

Und kaum hatte sie den weiten Saal betreten, so eilte der Eiskönig auf sie zu und preßte sie in seine Arme mit dem Jubelruf:

Sie ist da —!

Das Volk umringte sie — faßte ihre Hände und berührte ihre Kleider im Taumel der Begeisterung — und in tausendstimmigem Echo dröhnte es durch den Saal:

Sie ist da —!!!

Glückselig kuschelte sie sich in die Arme des Eiskönigs. Dieser entfaltete seine blauweißen rauschenden Schwingen — und da er sie in unendliche Weiten entführte, schlummerte sie ein.

*           *           *

Als Eddy Harkorth erwacte, lag sie in warme Decken gehüllt auf einer Chaiselongue. Der Eiskönig hielt ihre beiden Hände — seine Augen waren mit so viel Sorge auf sie gerichtet, daß sie lächeln mußte. Als er das bemerkte, entrang sich ein Jubelruf seinen Lippen — — und er beugte sich nieder und küßte sie.

Merkwürdiger Weise konnte sie dabei an nichts anderes denken, als daran, daß sie gewettet hatte, ihm Alles nachzumachen — — — und sie küßte ihn auch.

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Erläuterung des Herausgebers:

In der „Trierischen Landeszeitung” lauten die beiden letzten Absätze ein wenig anders, sie sollen wohl sittlich reiner sein, denn die Küsse fehlen:

Als Eddy Harkorth erwacte, lag sie in warme Decken gehüllt auf einer Chaiselongue. Der Eiskönig hielt ihre beiden Hände — seine Augen waren mit so viel Sorge auf sie gerichtet, daß sie lächeln mußte. Als er das bemerkte, entrang sich ein Jubelruf seinen Lippen — — und er beugte sich nieder.

Merkwürdiger Weise konnte sie dabei an nichts anderes denken, als daran, daß sie gewettet hatte, ihm Alles nachzumachen. — — —

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